Zwei Jahre lang war ich nicht mehr in Uganda, zuletzt im Oktober 2024. Vom 8. bis zum 21. August war es wieder soweit. Ich möchte euch mitnehmen, wie es wirklich war. Mit dem, was mich staunen ließ, und mit dem, was mich zweifeln lässt.
Eine Anreise, die holprig begann
Lange stand die Reise auf der Kippe, weil sich die Ebola-Lage verschärft hatte. Kurz vor dem Abflug kam die Entwarnung, der Ausbruch wurde für beendet erklärt. In ganz Uganda gab es zwanzig Fälle, zwei davon tödlich. Grund zur Sorge bestand also nie wirklich. Ein komisches Gefühl blieb trotzdem.
Fünfzehn Stunden von Frankfurt über Doha nach Entebbe. Am Flughafen dann QR-Codes scannen und seitenlange Gesundheitsformulare ausfüllen, von denen vorher niemand ein Wort gesagt hatte. Danach eine halbe Stunde Umweg, nur um Geld zu wechseln. Ich war bei der Ankunft schon so genervt, dass ich am liebsten den nächsten Flieger zurück genommen hätte.
Im Hotel musste ich das Zimmer tauschen, es roch scharf nach dem Mittel gegen die Moskitos. Um zwei Uhr nachts lag ich im Bett, um vier weckte mich der Muezzin von nebenan. Das kannte ich schon aus 2024. Neu war es nicht, angenehmer dadurch auch nicht.
Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus von Kampala nach Mbarara, sechseinhalb Stunden für 270 km. Auf dieser Fahrt wurde mir wieder klar, warum ich zu diesem Land eine Hassliebe habe. In den zwei Jahren, in denen ich nicht dort war, hat die Umweltverschmutzung massiv zugenommen. An den Straßenrändern türmen sich Plastikflaschen und Tüten, stellenweise sieht man vor lauter Plastik kein Gras mehr. Dazu die Luft, verpestet von Autos aus den Neunzigern, die ohne Katalysator und ohne Filter fahren.
Ich habe mich auf dieser Fahrt mehr als einmal gefragt, warum ich das eigentlich alles auf mich nehme.
Diesmal nur zuschauen
Anders als sonst wollte ich nicht selbst unterrichten. Ich war als stiller Beobachter dort, um zu sehen, wie das Team ohne mich arbeitet, wie es unterrichtet und was es in den Communitys tatsächlich erreicht.
Geplant hatte ich zwei Wochen: eine für die Foundation in Mbarara, eine als Urlaub in Kampala. Ihr ahnt schon, wie das ausgegangen ist.
Untergebracht war ich in einem Fünf-Sterne-Hotel in den Bergen, dem „Las Vegas“. Das klingt pompöser, als es ist. Fünf Sterne entsprechen dort etwa zwei bis drei Sternen bei uns (zumindest meiner Erfahrung nach), und zwar in einem Haus, das vor zwanzig Jahren gebaut wurde. Dieses hier ist von 2021. Nur damit ihr ein Gefühl dafür bekommt, wie sich die Maßstäbe dort verschieben.
Pünktlich zum Sonntagabend erreichte ich Mbarara, wo die Vessels Band ein Auftaktkonzert spielte. Ich traf bekannte Gesichter wieder: Disans Frau, seine Kinder, Reverend Alan und viele andere. Es war ein schöner Abend.
Video: Auftaktkonzert der Vessels Band
Am Montagmorgen besuchte ich Cathys Kindergarten, die Tiny Tots, wo wir ebenfalls unterrichten. Der Zeitpunkt war ungünstig: In meiner Ankunftswoche begannen an allen Schulen und in allen Kindergärten die Ferien. Alle wiederzusehen, war trotzdem schön.
Was zehn Wochen Unterricht bewirken
Am Dienstag begann das eigentliche Programm. Wir fuhren in die Grundschule Byanamira, wo unser zehnwöchiges Programm zu Ende ging.
Man muss sich klarmachen, wo diese Kinder starten. Die meisten haben vorher nie ein Keyboard gesehen, viele überhaupt kein westliches Instrument. Nach zehn Wochen begleiten sie ihre eigenen Lieder mit Akkorden. Das ist jedes Mal wieder erstaunlich.
Video: Ergebnisse aus dem Zehn-Wochen-Programm
Am Freitag waren wir außerdem in einer weiteren Grundschule, die sich bei uns beworben hatte. So ein erster Besuch läuft immer gleich ab: Jede Klasse bekommt zehn bis fünfzehn Minuten an unseren Keyboards, drückt die ersten Tasten und hört, was dabei herauskommt. Mehr braucht es am Anfang nicht.
Und was mich zweifeln lässt
Ich musste das Team mehrfach zur Seite nehmen. Es ging um Didaktik, um Arbeitsmoral und um Zeit.
Zeit wird dort anders verstanden als bei uns. Wir leisten uns den Luxus von drei Lehrern, und trotzdem unterrichten nicht immer alle drei gleichzeitig. Manche vertreiben sich die Zeit anders. Das ist mir sauer aufgestoßen, und ich musste ermahnen.
Das sind die Momente, in denen ich zweifle. Ich denke dann, es müsste dauerhaft jemand vor Ort sein, der anleitet. Eine deutsche Delegation. Das können wir nicht leisten, wir sind keine große Hilfsorganisation.
Gleichzeitig muss ich mir bewusst machen: Wir haben uns für dieses Land entschieden, und wir müssen mit den Verhältnissen dort arbeiten, nicht gegen sie. Ganz ohne westliche Strukturen geht es allerdings auch nicht, dafür sind wir zu deutlich der Arbeitgeber. Wir bezahlen die Lehrer. Diese Balance zu finden, ist Arbeit, und sie ist noch nicht fertig.
Der Motor fliegt auseinander
Auf dem Rückweg erlebte ich mein größtes Abenteuer dieser Reise. Seit Kurzem dürfen wir das Auto von Freunden unseres Direktors Disan nutzen, einen Toyota Harrier aus den neunziger Jahren. Mitten im Busch riss uns der Motor auseinander.
Ein Lastwagen schleppte uns ab. Wir fuhren auf seinem Auflieger bis zur nächsten Tankstelle.
3Die ganze Aktion kostete uns fünf Stunden. Zurück nach Mbarara ging es dann mit dem Taxi.
Am nächsten Tag waren wir in der Werkstatt.
Wir haben uns entschieden, den Motor instand setzen zu lassen. Das kostet 500 Euro. Ob das Auto danach hält, wissen wir noch nicht.
Die Rechnung dahinter: Ein Mietwagen kostet 25 Euro am Tag, dazu der Sprit. Fährt der Toyota nach der Reparatur länger als zweieinhalb Monate, sind wir mit der Reparatur besser dran. Läuft er nicht, war es teures Lehrgeld. Ich versuche, den Buschmechanikern zu vertrauen.
Ein Satz, den ich mitgenommen habe
Es frustet mich, wenn ich Dinge sehe, die nicht funktionieren. Auf der Fahrt zurück habe ich verstanden, warum das dort so oft der Fall ist.
Das Leben dreht sich jeden Tag ums Überleben. Die Menschen sind von morgens bis abends damit beschäftigt, Probleme zu lösen. Niemand kann sich auf eine Aufgabe konzentrieren, weil jederzeit ein neues Problem dazwischenkommt. Ein Motor zum Beispiel.
Es passieren kontinuierlich unvorhergesehene Ereignisse, die es zu lösen gilt.
Das kann uns hier auch passieren. Es ist nur nicht jeden Tag so.
Ein Konzert vor siebenhundert Schülern
Am Mittwochabend und den ganzen Donnerstag waren wir in einer weiteren Community, in Nyakyera Ntungamo.
Den Mittwochabend füllte die Generalprobe. Für alle Fälle wurde ein Generator aufgebaut, damit uns nicht mitten im Konzert der Strom wegbleibt.
Am Donnerstag spielten unsere Schülerinnen und Schüler dann vor der versammelten Schule. Es dürften an die siebenhundert Zuhörer gewesen sein.
Was dort an Talenten auf der Bühne stand, am Gesang und an den Instrumenten, lässt sich schwer beschreiben. Man muss es gesehen haben.
Video 1: Schulkonzert in Nyakyera Ntungamo
Video 2: Schulkonzert in Nyakyera Ntungamo
Video 3: Unsere Lehrer spielen und gehen als Vorbild voran
An solchen Tagen werde ich daran erinnert, wofür wir das Ganze tun. Der Ärger der Tage davor relativiert sich dann von selbst.
Der Weg zur Selbstfinanzierung
Am Wochenende haben Disan und ich an neuen Strukturen gearbeitet. Ich habe mehrere Bücher gestaltet und drucken lassen, mit denen wir Arbeitszeiten und Arbeitsabläufe endlich im Blick behalten. Das ist eine Riesenbaustelle, und ich würde sie euch gern im Detail erklären. Das sprengt hier den Rahmen, es kommt in einem der nächsten Briefe.
Der zweite Weg ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Wir überlegen, eine PA-Anlage anzuschaffen, die man vor Ort vermieten kann, Kosten rund 2.500 Euro. Dazu soll ein Tonstudio kommen, das ebenfalls gebucht werden kann. Kosten rund 1.000-1500 Euro. Auf Dauer soll das Projekt sich so ein Stück weit selbst tragen.
Ein Besuch bei den Kashaka Girls
Am Sonntag war ich im Gottesdienst der anglikanischen Kirche und danach bei den Kashaka Girls.
Dort habe ich Belinda besucht.
Belinda macht bald ihren Abschluss. Sie ist inzwischen eine sehr gute Pianistin, und ab Dezember startet sie voraussichtlich bei uns als Lehrerin.
Vor zwei Jahren stand sie in dieser Schule vor einem Keyboard, das wir gerade erst dorthin gebracht hatten.
Aus einer Woche Urlaub wurden drei Tage
Am Montag ging es zurück nach Kampala, Disan kam mit. Dort haben wir Musikgeschäfte abgeklappert, um zu sehen, was im Land überhaupt zu bekommen ist und zu welchen Preisen. Am Dienstagabend haben wir außerdem einen Song aufgenommen. Disan ist auch als Solokünstler unterwegs, und jeder Song hilft ihm doppelt: Er macht die Vessels-Band und die Living Music Foundation bekannter, und er trägt zu seinem Lebensunterhalt bei.
Von der geplanten Urlaubswoche blieben am Ende drei Tage. So geht es mir auf diesen Reisen eigentlich immer. Ich fahre mit einem Plan hin und komme mit einer Liste zurück.
Die drei Tage haben aber gereicht, um durchzuatmen, in die Acacia Mall zu fahren und die zwei Wochen sortieren zu lassen. Ohne diese Tage wäre ich ziemlich erschöpft im Flieger gesessen.
Zum Schluss
Ich bin genervt in Uganda angekommen und dankbar zurückgeflogen.
Die Formulare am Flughafen habe ich längst vergessen. Den Motor im Busch auch. Von diesen zwei Wochen bleiben mir zwei andere Bilder. Siebenhundert Kinder in einer Schule in Nyakyera Ntungamo. Und Belinda, die im Dezember auf der anderen Seite des Keyboards stehen wird.
Danke, dass ihr diese Momente möglich macht. Ihr erlebt sie nicht selbst, aber ohne euch gäbe es sie nicht.
Mit herzlichen Grüßen und im Namen des gesamten Teams,
Marcel
Living Music Foundation e.V.